Sonntag, 30. September 2018
Partygiano con Wurstel oder „Ich will nicht, dass ihr unsere Lieder singt.“, zumindest nicht so.
Bella Ciao hat es nicht nur zum Sommerhit, sondern auch auf die Wiesn geschafft. Das an sich ist jetzt noch nichts Schlimmes oder Verwerfliches. Schon Antonio Gramsci hat dafür plädiert, dass fortschrittliche Positionen über Groschenromane transportiert werden müssten wegen der Verbreitung (Apps oder Memes waren in den 20er Jahren noch nicht so angesagt). Und eine exklusive Verarbeitung des Lieds durch den Hochkulturbetrieb (inkl. Kabarett und Kleinkunst), um sich der moralischen Überlegenheit selbst zu vergewissern ist auch nicht hilfreich, sondern halt eher selbstbefriedigend. Deswegen sollte man sich als Antifaschist eher drüber freuen, wenn „Bella Ciao“ den Weg in die Charts und Dorfdiscos findet. Wenn das Wie nicht wäre.

Das Lied wird vollkommen aus dem Kontext herausgerissen und bis zur Beliebigkeit verwaschen.
Die Serie „casa del papel „, die mitverantwortlich für den Boom ist hat wohl so gar nichts mit dem Leben der italienischen Partisanen oder dem Kampf gegen den Faschismus zu tun. Muss sie ja auch nicht. Das Lied wurde z.B. schon in den 80er Jahren in einem Tatort von Campino (?) gesungen, und auch da ging es um ganz andere Sachen.

Leider gerät aber bei der Weiterverwertung der Kontext immer mehr in Vergessenheit. Die Videos der Remixes und Cover-Versionen, die momentan so auf dem Markt sind, strotzen nur so von Alpha-Gemackere und Gangsterkasperltheater, Geldgezähle und Neuwagengeruch. Es ist halt dann auch Wurst, was da im Hintergrund gesungen wird – „O partigiano, portami via ché mi sento di morir“ - Hauptsache, dass Bling blingt und die Bitches tanzen...

Aber auch die deutsche Schlagerfront schläft nicht. DJ Ötzi, der Alpenbarde, der schon Pizza Hut oder den Anton aus Tirol besungen hat hat jetzt eine Version rausgebracht, gerade noch rechtzeitig für die Wiesn. Der wiederum hat das Lied zum ersten Mal in einem Konzert von Andre Rieu gehört und es habe ihn dann nicht mehr losgelassen. Tja, weder Herr Rieu noch Herr Ötzi haben auch nur einen Funken vom Ursprungskontext übrig gelassen und lassen ein Lebensgefühl vom Stapel, das schreit: Hey, lass Dich doch nicht so stressen von dem was um Dich herum passiert. Lass uns dieses dolce vita genießen oder auf der Hüttn noch a Hoibe eini stelln. (Wer es nicht glaubt, jetzt müsst Ihr stark sein:
Herr Ötzi https://www.youtube.com/watch?v=0HC7lYK54Og und
Herr Rieu https://www.youtube.com/watch?v=tE9rLlCgfVc).
Es geht mir gar nicht darum, dass die Musik scheiße ist oder die Typen mir wirklich auf die Nerven gehen. Es geht mir nicht um meine popkulturelle Arroganz.
Es geht mir um diese Wurstigkeit gegenüber allem, was um einen herum passiert, die da abgefeiert wird. Ich glaube, die ist ein Luxus, den sich die im Lied eigentlich besungenen Menschen nicht leisten konnten oder zumindest wollten.

Bevor jetzt das Wort Spaßbremse fällt:
Ja, man kann auch zu Bella Ciao feiern, genau wie zu anderen Liedern mit politischen Botschaften (z.B. https://www.youtube.com/watch?v=1ifbleDsSsI
https://www.youtube.com/watch?v=k5HfOipwvts
https://www.youtube.com/watch?v=JMie4Ov2uT0 …).
Man kann das im Zweifel auch exzessiv tun. Man sollte das Leben an sich feiern. Auf jeden Fall.
Es ist nur schlimm, wenn der Kontext der Lieder völlig abhanden kommt oder ins Gegenteil verdreht wird.

Aber vielleicht passt diese Wurstigkeit in die Zeit, in der es als vollkommen normal angesehen wird, Faschisten ein gleichberechtigtes Podium zu geben oder Faschisten als ganz normal anzusehen.

Oder es ist besser denn je, wenn sich ein paar Leute Bella Ciao genauer anhören. Gerne auch auf der Wiesn, am Ballermann oder in der Dorfdisco.

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