Montag, 19. Februar 2018
Marmor, Stein und Eisen bricht... - meine ersten Male im Grünwalder Stadion
Begonnen hat es mit einem Satz, der im Nachhinein betrachtet eine ziemliche Frechheit war oder zumindest unentschuldbares Nichtwissen offenbarte: „Gibt es eigentlich Sechzig noch?“

Diese Ungeheuerlichkeit sprach ein ehemaliger Studienfreund meines Vaters während eines Besuchs in München 1986 aus. Um den (nicht notwendigen) Beweis anzutreten schlug mein Vater die Lokalsportseite der Süddeutschen auf. Da: Sechzig gegen Haching, Bayernliga, morgen. Dann müssen wir da wohl hin.

Also ab mit der Wolfsburger Familienkutsche über die Isar und zum Parken hoch an die östliche mitteleiszeitliche Hangkante (da wo´s am Berg runter geht)

Dieser Besuch hat mein Leben verändert (nein, ich schreib jetzt kein Schild und stell mich damit vors Stadion). Ich war weniger sportlich beeindruckt. Mehr atmosphärisch:

„Zigaretten! Süßigkeiten!“, eine blecherne Anzeigetafel ohne Glühbirnen, Vokuhilas wippen beim Aufwärmen zu „Rocking all over the world“ von Status Quo (das hört sich jetzt ganz schlimm an, war es wahrscheinlich auch), Bierseelige Kutten mit kopulationsverherrlichenden Aufnähern, von der Holzbank direkt am Zaun in der Stehhalle ist man ganz nah am Spielfeld, „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Löwen nicht.“ beim Einlauf der Mannschaft und dann das, was ich Jahre lang gehört und selber immer wieder geschrien habe und immer noch schreie: „Kämpfen, Löwen, kämpfen!“ Schön spielen allein oder nur der untaugliche Versuch davon hat bei uns noch nie gereicht.

In meiner Erinnerung waren wir zur Halbzeit hinten und haben dann doch gewonnen, wie in einem dieser schlechten Sportfilme. Muss aber statistisch gesehen gar nicht stimmen. Im Rückblick ist eh alles viel schöner und das Banale trägt ein Ballkleid oder halt ein weiß-blaues Puma-Trikot.
„Glotz nicht so romantisch!“, schreit mich plötzlich Brecht an. Der hat gut reden, der ist ja auch nur Augsburger.

Ich bin dann da öfters hin mit meinem Papa oder mit meinem Opa.
Bayernliga, Gegner aus exotischen Orten wie Frohnlach, Plattling, Vestenbergsgreuth oder Heidingsfeld. „Auswärts“ im Grünwalder gegen Wacker, Türkgücü oder die Zweitvertretung von irgendwem anderen aus München.

In der Grundschule habe ich damals einen weiß-blauen Schal gestrickt. Ok, vielleicht ein Fünftel davon, den Rest meine Mutter und meine Oma, man kann die einzelnen Bauabschnitte deutlich unterscheiden. Diesen Schal habe ich die nächsten Jahre sehr oft getragen. Beim ersten Heimspiel dieser Saison auch.

Spott von meinen Mitschüler/-innen und Kindskolleg/-innen? Die haben halt gar keine Ahnung gehabt, was sie verpassen. So wie eine krassse Undergroundband, die momentan kein Mensch kennt, aber sicher bald ganz groß ist, quasi Bel Etage.
(Der FCB ist eher so was wie Bon Jovi oder Helene Fischer. Wahnsinnig erfolgreich, aber stinklangweilig und popkulturell unerträglich.)

Apropos Popkultur: Zum Auswärtsspiel nach Lohhof (näher am Elternhaus als das GWS) habe ich im Radio des elterlichen Passat zum ersten Mal „Die da“ von den Fanta Vier gehört. Warum ich das noch weiß? Weiß ich nicht. Wir haben da auf irgendeinem Acker geparkt und. Ja, wir hätten auch mit der S-Bahn aufs Land fahren können.

Im Familienurlaub die schwierigste Frage im vorinterneten Zeitalter: Wie hat eigentlich Sechzig gespielt? „Man spricht (vielleicht) Deutsch“ an der Adria, aber eine Münchner Zeitung mit Lokalsportteil war schon eher selten. Ich glaube, so ist der Telefonjoker entstanden.

Was auch noch bleibt ist, dass entscheidende Spiele grundsätzlich immer verloren gehen. Am besten im vollkommen überfüllten Sechzger Stadion eingequetscht neben einem späteren Nockherberg-Barnabas. Das muss auch so sein aus dramaturgischen Gründen. Die einen pachten den Dusel für sich, wir haben eher „Ja mei“ abonniert.

Meine Bilanz nach a bisserl mehr als wie 30 Jahren Sechzig (scheiße, bin ich alt):
Drei Aufstiege – Drei Abstiege (einer davon ein Doppelabstieg mit architektonischem Aufstieg). Und bitte die Hallenmeisterschaft 1996 nicht vergessen. Also alles gut soweit.

Sportlich hätten meine Kindheit und Jugend trostloser sein können, z.B. als Bayernfan.

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