Sonntag, 30. September 2018
Partygiano con Wurstel oder „Ich will nicht, dass ihr unsere Lieder singt.“, zumindest nicht so.
gstanzl, 15:24h
Bella Ciao hat es nicht nur zum Sommerhit, sondern auch auf die Wiesn geschafft. Das an sich ist jetzt noch nichts Schlimmes oder Verwerfliches. Schon Antonio Gramsci hat dafür plädiert, dass fortschrittliche Positionen über Groschenromane transportiert werden müssten wegen der Verbreitung (Apps oder Memes waren in den 20er Jahren noch nicht so angesagt). Und eine exklusive Verarbeitung des Lieds durch den Hochkulturbetrieb (inkl. Kabarett und Kleinkunst), um sich der moralischen Überlegenheit selbst zu vergewissern ist auch nicht hilfreich, sondern halt eher selbstbefriedigend. Deswegen sollte man sich als Antifaschist eher drüber freuen, wenn „Bella Ciao“ den Weg in die Charts und Dorfdiscos findet. Wenn das Wie nicht wäre.
Das Lied wird vollkommen aus dem Kontext herausgerissen und bis zur Beliebigkeit verwaschen.
Die Serie „casa del papel „, die mitverantwortlich für den Boom ist hat wohl so gar nichts mit dem Leben der italienischen Partisanen oder dem Kampf gegen den Faschismus zu tun. Muss sie ja auch nicht. Das Lied wurde z.B. schon in den 80er Jahren in einem Tatort von Campino (?) gesungen, und auch da ging es um ganz andere Sachen.
Leider gerät aber bei der Weiterverwertung der Kontext immer mehr in Vergessenheit. Die Videos der Remixes und Cover-Versionen, die momentan so auf dem Markt sind, strotzen nur so von Alpha-Gemackere und Gangsterkasperltheater, Geldgezähle und Neuwagengeruch. Es ist halt dann auch Wurst, was da im Hintergrund gesungen wird – „O partigiano, portami via ché mi sento di morir“ - Hauptsache, dass Bling blingt und die Bitches tanzen...
Aber auch die deutsche Schlagerfront schläft nicht. DJ Ötzi, der Alpenbarde, der schon Pizza Hut oder den Anton aus Tirol besungen hat hat jetzt eine Version rausgebracht, gerade noch rechtzeitig für die Wiesn. Der wiederum hat das Lied zum ersten Mal in einem Konzert von Andre Rieu gehört und es habe ihn dann nicht mehr losgelassen. Tja, weder Herr Rieu noch Herr Ötzi haben auch nur einen Funken vom Ursprungskontext übrig gelassen und lassen ein Lebensgefühl vom Stapel, das schreit: Hey, lass Dich doch nicht so stressen von dem was um Dich herum passiert. Lass uns dieses dolce vita genießen oder auf der Hüttn noch a Hoibe eini stelln. (Wer es nicht glaubt, jetzt müsst Ihr stark sein:
Herr Ötzi https://www.youtube.com/watch?v=0HC7lYK54Og und
Herr Rieu https://www.youtube.com/watch?v=tE9rLlCgfVc).
Es geht mir gar nicht darum, dass die Musik scheiße ist oder die Typen mir wirklich auf die Nerven gehen. Es geht mir nicht um meine popkulturelle Arroganz.
Es geht mir um diese Wurstigkeit gegenüber allem, was um einen herum passiert, die da abgefeiert wird. Ich glaube, die ist ein Luxus, den sich die im Lied eigentlich besungenen Menschen nicht leisten konnten oder zumindest wollten.
Bevor jetzt das Wort Spaßbremse fällt:
Ja, man kann auch zu Bella Ciao feiern, genau wie zu anderen Liedern mit politischen Botschaften (z.B. https://www.youtube.com/watch?v=1ifbleDsSsI
https://www.youtube.com/watch?v=k5HfOipwvts
https://www.youtube.com/watch?v=JMie4Ov2uT0 …).
Man kann das im Zweifel auch exzessiv tun. Man sollte das Leben an sich feiern. Auf jeden Fall.
Es ist nur schlimm, wenn der Kontext der Lieder völlig abhanden kommt oder ins Gegenteil verdreht wird.
Aber vielleicht passt diese Wurstigkeit in die Zeit, in der es als vollkommen normal angesehen wird, Faschisten ein gleichberechtigtes Podium zu geben oder Faschisten als ganz normal anzusehen.
Oder es ist besser denn je, wenn sich ein paar Leute Bella Ciao genauer anhören. Gerne auch auf der Wiesn, am Ballermann oder in der Dorfdisco.
Das Lied wird vollkommen aus dem Kontext herausgerissen und bis zur Beliebigkeit verwaschen.
Die Serie „casa del papel „, die mitverantwortlich für den Boom ist hat wohl so gar nichts mit dem Leben der italienischen Partisanen oder dem Kampf gegen den Faschismus zu tun. Muss sie ja auch nicht. Das Lied wurde z.B. schon in den 80er Jahren in einem Tatort von Campino (?) gesungen, und auch da ging es um ganz andere Sachen.
Leider gerät aber bei der Weiterverwertung der Kontext immer mehr in Vergessenheit. Die Videos der Remixes und Cover-Versionen, die momentan so auf dem Markt sind, strotzen nur so von Alpha-Gemackere und Gangsterkasperltheater, Geldgezähle und Neuwagengeruch. Es ist halt dann auch Wurst, was da im Hintergrund gesungen wird – „O partigiano, portami via ché mi sento di morir“ - Hauptsache, dass Bling blingt und die Bitches tanzen...
Aber auch die deutsche Schlagerfront schläft nicht. DJ Ötzi, der Alpenbarde, der schon Pizza Hut oder den Anton aus Tirol besungen hat hat jetzt eine Version rausgebracht, gerade noch rechtzeitig für die Wiesn. Der wiederum hat das Lied zum ersten Mal in einem Konzert von Andre Rieu gehört und es habe ihn dann nicht mehr losgelassen. Tja, weder Herr Rieu noch Herr Ötzi haben auch nur einen Funken vom Ursprungskontext übrig gelassen und lassen ein Lebensgefühl vom Stapel, das schreit: Hey, lass Dich doch nicht so stressen von dem was um Dich herum passiert. Lass uns dieses dolce vita genießen oder auf der Hüttn noch a Hoibe eini stelln. (Wer es nicht glaubt, jetzt müsst Ihr stark sein:
Herr Ötzi https://www.youtube.com/watch?v=0HC7lYK54Og und
Herr Rieu https://www.youtube.com/watch?v=tE9rLlCgfVc).
Es geht mir gar nicht darum, dass die Musik scheiße ist oder die Typen mir wirklich auf die Nerven gehen. Es geht mir nicht um meine popkulturelle Arroganz.
Es geht mir um diese Wurstigkeit gegenüber allem, was um einen herum passiert, die da abgefeiert wird. Ich glaube, die ist ein Luxus, den sich die im Lied eigentlich besungenen Menschen nicht leisten konnten oder zumindest wollten.
Bevor jetzt das Wort Spaßbremse fällt:
Ja, man kann auch zu Bella Ciao feiern, genau wie zu anderen Liedern mit politischen Botschaften (z.B. https://www.youtube.com/watch?v=1ifbleDsSsI
https://www.youtube.com/watch?v=k5HfOipwvts
https://www.youtube.com/watch?v=JMie4Ov2uT0 …).
Man kann das im Zweifel auch exzessiv tun. Man sollte das Leben an sich feiern. Auf jeden Fall.
Es ist nur schlimm, wenn der Kontext der Lieder völlig abhanden kommt oder ins Gegenteil verdreht wird.
Aber vielleicht passt diese Wurstigkeit in die Zeit, in der es als vollkommen normal angesehen wird, Faschisten ein gleichberechtigtes Podium zu geben oder Faschisten als ganz normal anzusehen.
Oder es ist besser denn je, wenn sich ein paar Leute Bella Ciao genauer anhören. Gerne auch auf der Wiesn, am Ballermann oder in der Dorfdisco.
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Samstag, 5. Mai 2018
Umpalumpas of all countries – unite! oder als Charly die Schokoladenfabrik mal genauer analysierte
gstanzl, 14:45h
Hör ma uff mit Marx und dem Gespenst! Wenn ich mich gruseln will schau ich einfach, was in Europa heute so umgeht. Irgendwie so ziemlich das Gegenteil von dem, was das Marxsche Denken ausmacht. Nationalbesoffenheit. Religiös motivierte Politik und politisch motiviertes Religionsschauspiel. Erklärungsmuster frisch vom Verschwörungswebstuhl und dem Voodoohäkelkurs von Esoterik und „gesundem Volksempfinden“ (Na, gruselt es schon?)
Was will mir Marx also sagen? Das weiß wahrscheinlich niemand so genau, weil fragen kann ihn halt auch niemand mehr. Deswegen ist es so schwierig, das rauszukriegen.
Was kann ich mit Marx noch anfangen? Naja, erst mal anfangen zu lesen. Es muss ja nicht unbedingt die ganze blaue Wand aus dem Dietz-Verlag sein. Ich finde, dass man damit einiges anfangen kann. Wenn man die Zitate, Bücher und das Merchandise (ja, ich besitze u.a. einen Karl-Marx-Salzstreuer) nicht als Monstranz vor sich herträgt oder wie einen Prawda-Starschnitt anbetet, sondern selber mitdenkt und alles hinterfragt.
Da wäre einmal die grundsätzliche Erkenntnis, wer wie die Werte in einer Volkswirtschaft erschafft und wie das damit zusammenhängt, dass manche mehr und andere weniger haben. Also ein Erklärungsmuster für wirtschaftliche Zusammenhänge und eine Grundlage für SelbstBewusstsein.
Und da ist dann noch: Don´t hate the player – hate the game!
Nicht der Kapitalist (oder ganz manchmal die -in) ist eine unglaubliche Drecksau, es ist halt eher das Gesamtkonstrukt, mit dem man unzufrieden sein sollte. Das widerspricht der gemeinen Wutbürger/-in, die oder meistens der immer einen Schuldigen braucht, oder manchmal eine ganze Gruppe, die spezifisch gehasst wird.
„Die Banker, die Spekulanten, die...na ja, die von der Ostküste halt, die im Hinterzimmer, die man nicht sieht und alles lenken....“
Wo wir schon beim nächsten Punkt wären. Eine ernsthafte Analyse von wirtschaftlichen Zusammenhängen ist eben nicht an jeder Ecke und hinter jeder Krise eine gezielte Verschwörung von wem auch immer (Lichtenstein, der ADAC oder die Wildecker Herzbuben? Wer weiß?) zu vermuten. Nüchterne Analyse hilft im Zweifel einfach dabei, nicht als Quartalsirrer durch die politische Landschaft zu marodieren.
Ob jetzt jede Analyse richtig ist oder zumindest jetzt noch richtig ist, weiß ich nicht, glaube ich aber auch nicht so ganz. Aber in einer Zeit, in der ernsthaft für die Wissenschaft an sich demonstriert werden muss und es „alternative“ Fakten und Arschlöcher gibt sollte eine wissenschaftliche Herangehensweise schon mal im Grunde sympathisch sein.
A propos Zeitgeist: Bei dem ganzen Heimat, Retro und „früher war alles so viel besser und ehrlicher“-Trend (ja, ich höre auch gerne alte Musik auf alten Schallplatten) ist eine Kritik am Kapitalismus, die nach vorne schaut und nicht sagt „Mei, im Feudalismus, des war halt noch so gmiatlich! Da waren die Fesseln noch handgemacht und wertig.“ nötiger denn je.
In diesem Sinne: Ein Prost auf den Jubilar aus Trier!
Was will mir Marx also sagen? Das weiß wahrscheinlich niemand so genau, weil fragen kann ihn halt auch niemand mehr. Deswegen ist es so schwierig, das rauszukriegen.
Was kann ich mit Marx noch anfangen? Naja, erst mal anfangen zu lesen. Es muss ja nicht unbedingt die ganze blaue Wand aus dem Dietz-Verlag sein. Ich finde, dass man damit einiges anfangen kann. Wenn man die Zitate, Bücher und das Merchandise (ja, ich besitze u.a. einen Karl-Marx-Salzstreuer) nicht als Monstranz vor sich herträgt oder wie einen Prawda-Starschnitt anbetet, sondern selber mitdenkt und alles hinterfragt.
Da wäre einmal die grundsätzliche Erkenntnis, wer wie die Werte in einer Volkswirtschaft erschafft und wie das damit zusammenhängt, dass manche mehr und andere weniger haben. Also ein Erklärungsmuster für wirtschaftliche Zusammenhänge und eine Grundlage für SelbstBewusstsein.
Und da ist dann noch: Don´t hate the player – hate the game!
Nicht der Kapitalist (oder ganz manchmal die -in) ist eine unglaubliche Drecksau, es ist halt eher das Gesamtkonstrukt, mit dem man unzufrieden sein sollte. Das widerspricht der gemeinen Wutbürger/-in, die oder meistens der immer einen Schuldigen braucht, oder manchmal eine ganze Gruppe, die spezifisch gehasst wird.
„Die Banker, die Spekulanten, die...na ja, die von der Ostküste halt, die im Hinterzimmer, die man nicht sieht und alles lenken....“
Wo wir schon beim nächsten Punkt wären. Eine ernsthafte Analyse von wirtschaftlichen Zusammenhängen ist eben nicht an jeder Ecke und hinter jeder Krise eine gezielte Verschwörung von wem auch immer (Lichtenstein, der ADAC oder die Wildecker Herzbuben? Wer weiß?) zu vermuten. Nüchterne Analyse hilft im Zweifel einfach dabei, nicht als Quartalsirrer durch die politische Landschaft zu marodieren.
Ob jetzt jede Analyse richtig ist oder zumindest jetzt noch richtig ist, weiß ich nicht, glaube ich aber auch nicht so ganz. Aber in einer Zeit, in der ernsthaft für die Wissenschaft an sich demonstriert werden muss und es „alternative“ Fakten und Arschlöcher gibt sollte eine wissenschaftliche Herangehensweise schon mal im Grunde sympathisch sein.
A propos Zeitgeist: Bei dem ganzen Heimat, Retro und „früher war alles so viel besser und ehrlicher“-Trend (ja, ich höre auch gerne alte Musik auf alten Schallplatten) ist eine Kritik am Kapitalismus, die nach vorne schaut und nicht sagt „Mei, im Feudalismus, des war halt noch so gmiatlich! Da waren die Fesseln noch handgemacht und wertig.“ nötiger denn je.
In diesem Sinne: Ein Prost auf den Jubilar aus Trier!
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Montag, 19. Februar 2018
Marmor, Stein und Eisen bricht... - meine ersten Male im Grünwalder Stadion
gstanzl, 20:30h
Begonnen hat es mit einem Satz, der im Nachhinein betrachtet eine ziemliche Frechheit war oder zumindest unentschuldbares Nichtwissen offenbarte: „Gibt es eigentlich Sechzig noch?“
Diese Ungeheuerlichkeit sprach ein ehemaliger Studienfreund meines Vaters während eines Besuchs in München 1986 aus. Um den (nicht notwendigen) Beweis anzutreten schlug mein Vater die Lokalsportseite der Süddeutschen auf. Da: Sechzig gegen Haching, Bayernliga, morgen. Dann müssen wir da wohl hin.
Also ab mit der Wolfsburger Familienkutsche über die Isar und zum Parken hoch an die östliche mitteleiszeitliche Hangkante (da wo´s am Berg runter geht)
Dieser Besuch hat mein Leben verändert (nein, ich schreib jetzt kein Schild und stell mich damit vors Stadion). Ich war weniger sportlich beeindruckt. Mehr atmosphärisch:
„Zigaretten! Süßigkeiten!“, eine blecherne Anzeigetafel ohne Glühbirnen, Vokuhilas wippen beim Aufwärmen zu „Rocking all over the world“ von Status Quo (das hört sich jetzt ganz schlimm an, war es wahrscheinlich auch), Bierseelige Kutten mit kopulationsverherrlichenden Aufnähern, von der Holzbank direkt am Zaun in der Stehhalle ist man ganz nah am Spielfeld, „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Löwen nicht.“ beim Einlauf der Mannschaft und dann das, was ich Jahre lang gehört und selber immer wieder geschrien habe und immer noch schreie: „Kämpfen, Löwen, kämpfen!“ Schön spielen allein oder nur der untaugliche Versuch davon hat bei uns noch nie gereicht.
In meiner Erinnerung waren wir zur Halbzeit hinten und haben dann doch gewonnen, wie in einem dieser schlechten Sportfilme. Muss aber statistisch gesehen gar nicht stimmen. Im Rückblick ist eh alles viel schöner und das Banale trägt ein Ballkleid oder halt ein weiß-blaues Puma-Trikot.
„Glotz nicht so romantisch!“, schreit mich plötzlich Brecht an. Der hat gut reden, der ist ja auch nur Augsburger.
Ich bin dann da öfters hin mit meinem Papa oder mit meinem Opa.
Bayernliga, Gegner aus exotischen Orten wie Frohnlach, Plattling, Vestenbergsgreuth oder Heidingsfeld. „Auswärts“ im Grünwalder gegen Wacker, Türkgücü oder die Zweitvertretung von irgendwem anderen aus München.
In der Grundschule habe ich damals einen weiß-blauen Schal gestrickt. Ok, vielleicht ein Fünftel davon, den Rest meine Mutter und meine Oma, man kann die einzelnen Bauabschnitte deutlich unterscheiden. Diesen Schal habe ich die nächsten Jahre sehr oft getragen. Beim ersten Heimspiel dieser Saison auch.
Spott von meinen Mitschüler/-innen und Kindskolleg/-innen? Die haben halt gar keine Ahnung gehabt, was sie verpassen. So wie eine krassse Undergroundband, die momentan kein Mensch kennt, aber sicher bald ganz groß ist, quasi Bel Etage.
(Der FCB ist eher so was wie Bon Jovi oder Helene Fischer. Wahnsinnig erfolgreich, aber stinklangweilig und popkulturell unerträglich.)
Apropos Popkultur: Zum Auswärtsspiel nach Lohhof (näher am Elternhaus als das GWS) habe ich im Radio des elterlichen Passat zum ersten Mal „Die da“ von den Fanta Vier gehört. Warum ich das noch weiß? Weiß ich nicht. Wir haben da auf irgendeinem Acker geparkt und. Ja, wir hätten auch mit der S-Bahn aufs Land fahren können.
Im Familienurlaub die schwierigste Frage im vorinterneten Zeitalter: Wie hat eigentlich Sechzig gespielt? „Man spricht (vielleicht) Deutsch“ an der Adria, aber eine Münchner Zeitung mit Lokalsportteil war schon eher selten. Ich glaube, so ist der Telefonjoker entstanden.
Was auch noch bleibt ist, dass entscheidende Spiele grundsätzlich immer verloren gehen. Am besten im vollkommen überfüllten Sechzger Stadion eingequetscht neben einem späteren Nockherberg-Barnabas. Das muss auch so sein aus dramaturgischen Gründen. Die einen pachten den Dusel für sich, wir haben eher „Ja mei“ abonniert.
Meine Bilanz nach a bisserl mehr als wie 30 Jahren Sechzig (scheiße, bin ich alt):
Drei Aufstiege – Drei Abstiege (einer davon ein Doppelabstieg mit architektonischem Aufstieg). Und bitte die Hallenmeisterschaft 1996 nicht vergessen. Also alles gut soweit.
Sportlich hätten meine Kindheit und Jugend trostloser sein können, z.B. als Bayernfan.
Diese Ungeheuerlichkeit sprach ein ehemaliger Studienfreund meines Vaters während eines Besuchs in München 1986 aus. Um den (nicht notwendigen) Beweis anzutreten schlug mein Vater die Lokalsportseite der Süddeutschen auf. Da: Sechzig gegen Haching, Bayernliga, morgen. Dann müssen wir da wohl hin.
Also ab mit der Wolfsburger Familienkutsche über die Isar und zum Parken hoch an die östliche mitteleiszeitliche Hangkante (da wo´s am Berg runter geht)
Dieser Besuch hat mein Leben verändert (nein, ich schreib jetzt kein Schild und stell mich damit vors Stadion). Ich war weniger sportlich beeindruckt. Mehr atmosphärisch:
„Zigaretten! Süßigkeiten!“, eine blecherne Anzeigetafel ohne Glühbirnen, Vokuhilas wippen beim Aufwärmen zu „Rocking all over the world“ von Status Quo (das hört sich jetzt ganz schlimm an, war es wahrscheinlich auch), Bierseelige Kutten mit kopulationsverherrlichenden Aufnähern, von der Holzbank direkt am Zaun in der Stehhalle ist man ganz nah am Spielfeld, „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Löwen nicht.“ beim Einlauf der Mannschaft und dann das, was ich Jahre lang gehört und selber immer wieder geschrien habe und immer noch schreie: „Kämpfen, Löwen, kämpfen!“ Schön spielen allein oder nur der untaugliche Versuch davon hat bei uns noch nie gereicht.
In meiner Erinnerung waren wir zur Halbzeit hinten und haben dann doch gewonnen, wie in einem dieser schlechten Sportfilme. Muss aber statistisch gesehen gar nicht stimmen. Im Rückblick ist eh alles viel schöner und das Banale trägt ein Ballkleid oder halt ein weiß-blaues Puma-Trikot.
„Glotz nicht so romantisch!“, schreit mich plötzlich Brecht an. Der hat gut reden, der ist ja auch nur Augsburger.
Ich bin dann da öfters hin mit meinem Papa oder mit meinem Opa.
Bayernliga, Gegner aus exotischen Orten wie Frohnlach, Plattling, Vestenbergsgreuth oder Heidingsfeld. „Auswärts“ im Grünwalder gegen Wacker, Türkgücü oder die Zweitvertretung von irgendwem anderen aus München.
In der Grundschule habe ich damals einen weiß-blauen Schal gestrickt. Ok, vielleicht ein Fünftel davon, den Rest meine Mutter und meine Oma, man kann die einzelnen Bauabschnitte deutlich unterscheiden. Diesen Schal habe ich die nächsten Jahre sehr oft getragen. Beim ersten Heimspiel dieser Saison auch.
Spott von meinen Mitschüler/-innen und Kindskolleg/-innen? Die haben halt gar keine Ahnung gehabt, was sie verpassen. So wie eine krassse Undergroundband, die momentan kein Mensch kennt, aber sicher bald ganz groß ist, quasi Bel Etage.
(Der FCB ist eher so was wie Bon Jovi oder Helene Fischer. Wahnsinnig erfolgreich, aber stinklangweilig und popkulturell unerträglich.)
Apropos Popkultur: Zum Auswärtsspiel nach Lohhof (näher am Elternhaus als das GWS) habe ich im Radio des elterlichen Passat zum ersten Mal „Die da“ von den Fanta Vier gehört. Warum ich das noch weiß? Weiß ich nicht. Wir haben da auf irgendeinem Acker geparkt und. Ja, wir hätten auch mit der S-Bahn aufs Land fahren können.
Im Familienurlaub die schwierigste Frage im vorinterneten Zeitalter: Wie hat eigentlich Sechzig gespielt? „Man spricht (vielleicht) Deutsch“ an der Adria, aber eine Münchner Zeitung mit Lokalsportteil war schon eher selten. Ich glaube, so ist der Telefonjoker entstanden.
Was auch noch bleibt ist, dass entscheidende Spiele grundsätzlich immer verloren gehen. Am besten im vollkommen überfüllten Sechzger Stadion eingequetscht neben einem späteren Nockherberg-Barnabas. Das muss auch so sein aus dramaturgischen Gründen. Die einen pachten den Dusel für sich, wir haben eher „Ja mei“ abonniert.
Meine Bilanz nach a bisserl mehr als wie 30 Jahren Sechzig (scheiße, bin ich alt):
Drei Aufstiege – Drei Abstiege (einer davon ein Doppelabstieg mit architektonischem Aufstieg). Und bitte die Hallenmeisterschaft 1996 nicht vergessen. Also alles gut soweit.
Sportlich hätten meine Kindheit und Jugend trostloser sein können, z.B. als Bayernfan.
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